Evangelische Stephanus-Kirchengemeinde Berlin-Zehlendorf
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Freizeit, Urlaubszeit - auch dafür gibt Gott Zeit

Eigentlich seltsam, will man meinen. Die Sommerferien stehen vor der Tür, aber statt Vorfreude werden auf vielen Medienkanälen Tipps verbreitet und in den Regalen der Buchhandlungen prominent Ratgeber platziert, die helfen wollen, wie man mit der freien Zeit klarkommen kann. Warum ist das so? Scheinbar, so erklären es uns Soziologen, gibt es, was die Urlaubszeit angeht, so hohe Erwartungen an das Entspannen, dass auch das noch unter ein Leistungspostulat gestellt wird. Schließlich gilt es, in kurzer Zeit richtig entspannen und die Seele schnell und punktgenau baumeln lassen zu können.

 

Was wir kennen, ist ein Recht auf Arbeit. Hart erstritten, aber nicht wirklich einklagbar. Und längst nicht für alle verwirklicht. Bezahlte Arbeit ermöglicht den eigenen Lebensunterhalt. Und sie vermittelt persönlichen Sinn und gesellschaftliche Anerkennung. Aber ein Recht auf Faulheit? Es mutet schier ironisch an, dass ausgerechnet der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, gerade nicht das Recht auf Arbeit, sondern das Recht auf Faulheit eingeklagt hat. In seiner „Streitschrift“ Ende des 19. Jahrhunderts meint er, dass drei Stunden Arbeit am Tag genug seien. Der Mensch verwirkliche sich schließlich in der Muße und der Arbeit bedürfe man lediglich als Würze der Faulheit.

 

Die Bibel weiß, dass der Mensch nicht vom Brot allein und nicht von der Arbeit allein lebt. Dafür stehen der jüdische Sabbat und der christliche Sonntag. Beide verbürgen das Recht des Menschen auf Freiheit von der Arbeit. Darin gründet die Würde des Menschen. Denn die Freizeit ist in biblischer Perspektive mehr als die bloße Abwesenheit von Arbeit oder die Ruhepause, die zur Regeneration für die Arbeit dient. Die von Arbeit freie Zeit, welche dem Menschen eingeräumt wird, hat ihren eigenen Wert. Der jüdische Prediger Kohelet meditiert darüber: „Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben. (...) Alles hat Gott so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt. Nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann.“ (Koh 3,1.11).

 

Als Schöpfer hat Gott allem Geschaffenen eine Ordnung gegeben, die sich in den Zeiten abbildet. Sie verspricht, dass alles, was in der Zeit ist, genau zu der Zeit auch schön ist. Arbeiten kann schön sein, Erholen auch. Aber beide sind nicht schön, wenn der Mensch nicht in seiner Zeit ist, also wenn er seiner Zeit vorauseilt oder hinterherhechelt oder sie vollends vertreibt. Die Lebenskunst, so meint der Prediger Kohelet, besteht nun darin, in seiner Zeit zu sein. Und sie besteht darin, gerade wenn uns das nicht gelingt, die Sehnsucht nach der Fülle der Zeit in unseren Herzen wach zu halten. Denn in unsere Herzen hat Gott diese Sehnsucht nach erfüllter Zeit gelegt. Sie hält uns sensibel für das, was gerade an der Zeit ist.

 

Das Französische kennt das schöne Wort „récréation“ als Begriff für die Erholung. Nach der „creatio“, der Schöpfung, des Schaffens, kommt die „recreatio“, die Erholung, die Entspannung. Das war schon am Anfang bei Gott so. Der Sabbat, der Sonntag und auch der Urlaub sind geschenkte Zeiten für unsere Achtsamkeit. Achten wir darauf, was gerade für uns an der Zeit ist. Arbeit oder Freizeit? Wie oft trägt unser Freizeit- oder Urlaubsverhalten Züge der Arbeit. Die Begriffe der „Freizeit- oder Urlaubsplanung“ zeigen dies schon an. Da wird geplant und koordiniert, um möglichst effektiv Erholung zu generieren. Und wie oft wird in der Freizeit gearbeitet.

 

Dabei hängt der Lebenssinn und Selbstwert weder im Beruf noch in der Freizeit allein am Tätigsein, sondern an einer ganz anderen Erfahrung: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“, fragt der Apostel Paulus (1. Kor 4,7). Das meint die Erfahrung der Güte Gottes. Das Wesentliche im Leben können wir uns nicht erarbeiten. Die Liebe nicht, die Vergebung nicht, die Freude nicht und auch nicht das Glück. Alles sind Geschenke. Darum besteht unsere Würde gerade unabhängig von unserer Leistungsfähigkeit. Sie gründet vielmehr darin, dass Gott uns derart beschenkt. Mit Zeiten, in denen wir das erfahren können: Liebe, Vergebung, Freude und Glück. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen schöne Sommerferien, einen erholsamen Urlaub oder einfach zwischendurch eine schöne Zeit.

 

Pfarrer Alexander Heck

(23.7.2017, az)

 

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